
«Hermodur»,
2001
Acryl auf Leinwand
80 x 60 cm
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schwarz
gänsehaut (*1963)
Eigentlich Daniel Ebnöther
schwarz
gänsehaut, geboren 1963, lebt und arbeitet in Köniz bei Bern. Nach einer
beruflich erfolgreichen Tätigkeitsphase erlitt er einen Werteinfarkt.
An
diesem Wendepunkt liess schwarz gänsehaut alte Werte hinter sich und brach zu
neuen Ufern auf. Seither arbeitet er ganz bewusst als Kunstmaler. Wichtig sind
ihm heute ein schönes Atelier, Freundschaften und ein gutes Essen.
Das
positive und tolerante Lebensgefühl soll sich in den Arbeiten widerspiegeln.
Sein Anspruch ist bewusst nicht elitär. Gleichwohl ist das künstlerische
Schaffen von schwarz gänsehaut weder spassig gemeint, noch ist er bloss aus
einer Laune heraus als Maler tätig, «just for fun». Nein —- seine
malerischen Projekte verfolgt er mit grosser Ausdauer und Hartnäckigkeit, und
die in seinen Werken zum Ausdruck kommende lockere, bisweilen auch
augenzwinkernde Lebenseinstellung ist ein sehr ernsthaftes und auch ernst zu
nehmendes Anliegen. Sowohl in der formalen Gestaltung als auch im Thematischen
soll deutlich werden, dass Luftigkeit und Leichtigkeit «seriöse» Botschaften
sind. Zynismus und Egoismus finden sich weder in seinen Bildern, noch kann er
als Maler im Kunstbetrieb damit irgend etwas anfangen. Ganz anders ist das mit
Witz, Sarkasmus und Ironie, die in vielfältigster Weise in seinem Werk
auftauchen.
Die
unkonventionelle Erscheinung und ein Auftreten, das völlig frei ist von
«typisch künstlerischen» Attitüden, könnte zum Schluss verleiten, hier will
einer mit allem Bisherigen radikal brechen. Der Eindruck täuscht. Zwar ist
schwarz gänsehaut die kunsthistorische und stilistische Einordnung seines Werks
ganz und gar gleichgültig; er selber empfindet seinen Stil als etwas
«Gewachsenes».
Inhaltlich
interessiert ihn die Spannung zwischen dem Althergebrachten, Traditionellen und
dem Modernen, Neuen. Sehr wichtig geworden ist die Suche nach Wurzeln der
kulturellen Herkunft in unserer Zeit des Orientierungsverlustes und der auf uns
einstürzenden Informationsflut. schwarz gänsehaut ist aber alles andere als
ein Beschwörer der guten alten Zeit. Er ist kein Idyllisierer der alten
Lebensarten, der überkommenen Sitten und Gebräuche. Die Suche nach einer uns
verbindenden Identität äussert sich in seinem Werk in mannigfaltigen Brüchen
und Spaltungen, die beim Betrachter nach ihrer Entdeckung Staunen und Lachen
auslösen können.
Doch wie soll
das eigentlich Unvereinbare – das scheinbar Festgefügte der
Vergangenheit und das Schillernde der Gegenwart – zu einer
künstlerischen Einheit in Form und Inhalt gebracht werden? schwarz
gänsehaut sucht zu diesem Zweck nicht nur die formale Einheit in den
einzelnen – auch nach herkömmlichen Kriterien streng
«durchkomponierten» – Bildern. Er entwickelt ganze Bilderzyklen, die
unter einem einheitlichem Thema stehen, und die wiederum in eine passende
atmosphärische Umgebung eingebettet sein müssen. Eine Ausstellung ist
daher nicht nur eine Ansammlung von Bildern, sondern gleichsam die Aura
eines Malzyklus. Auf diese, seine ganz persönliche Weise ist schwarz
gänsehaut bestrebt, dem Chaos der Welt eine Welt der Ordnung
entgegenzusetzen. Er erliegt jedoch nicht der Versuchung, das Chaos der
Welt zu leugnen oder es einfach auszublenden. Vielmehr ist er stets daran
interessiert, es für sich selber stückweise handhabbar zu machen –
auch im ganz konkreten Sinn eines kreativen künstlerischen Prozesses.
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Dem Betrachter will er
dabei niemals die eigene Sichtweise aufdrängen. schwarz gänsehaut will
Anregungen anbieten für ganz eigene Erlebnisketten und Assoziationsnetze,
die auch in einem gemeinsamen Gespräch mit dem gänsehaut weitergesponnen
werden sollen. Unverhofft befindet sich schwarz gänsehaut mit dieser
Haltung auf der Höhe der modernen Erkenntnistheorie. Mit H. Maturana
formuliert: Es ist immer der ganz isolierte und auf sich selber verwiesene
Beobachter, der allein festlegt, was er zu sehen vermag und was nicht. Und
gleichwohl ist diese entscheidende Fähigkeit des radikal «einsamen»
Beobachtens grundlegend vom sozialen Zusammenleben abhängig. Im Einklang
mit dieser Einsicht lehnt es der Kunstmaler schwarz gänsehaut denn
auch ab, sich als Visionär zu gebärden, als Lehrmeister einer neuen, tiefen,
gar esotherischen Weltsicht. Fernab von irgendwelchem autoritären Gehabe gibt
er sich offen als Suchender und Lernender zu erkennen und weiss daher sehr
genau, auch selber stets auf vielfältige Anregungen angewiesen zu bleiben.
Götter
und Heiden
In
der Ausstellung zum Thema «Götter und Heiden» vereinen sich verschiedene
Motive, die sich als eine einheitliche gedankliche Stufenfolge interpretieren
lassen:
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Die
durchaus naive, sehnsuchtsvolle Suche nach den «echten», vorchristlichen
Wurzeln der europäischen Kultur
-
Gleichzeitig
die spielerisch-experimentierende Ironisierung dieser Sehnsucht nach der
heilen Welt (Germanin in sexy Ritterrüstung vor einer Heidi-Berglandschaft)
-
Die
Kontrastierung des «primitiven" Lebens der «Wilden» mit
der modernen westlichen Lebensweise
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Die
notwendig gewordene reflexive Brechung der Suche nach den «unverfälschten» traditionellen Werten der Tapferkeit, der
Abenteuerlust, der Klarheit, Aufrichtigkeit
und - Naturverbundenheit im
einfachen, ursprünglichen Leben
-
Bei
aller Ironisierung keine zerstörerische Kritik der Moderne, sondern ein
impliziter Aufruf zu Toleranz und gegenseitiger Anerkennung und Achtung
Ohne
eine (kritische) Distanz zu schaffen, könnte es bei diesem «heiklen»
Thema einfach nicht gut ausgehen. Während das dekadent gewordene alte Rom bis
zu seinem Untergang beständig und ganz unverfänglich das «einfache,
bäuerliche Leben» beschwören konnte, ist uns heute diese Möglichkeit verbaut
– angesichts der häufig geschehenen Vereinnahmung des «Germanenkults» durch
patriarchal-autoritäre, braune und öko-fundamentale Heilslehren. Dabei ist
eine Paradoxie nicht zu vermeiden – einerseits die ursprüngliche Kraft des
naiven, natürlichen Lebens aufspüren zu wollen, anderseits die raffinierte
gedankliche Relativierung dieser Sehnsucht verdeutlichen zu müssen. So muss es
auch schwarz gänsehaut offen lassen, einfache und definitive Antworten zu
geben. Doch viel wichtiger ist es, die richtigen Fragen zu stellen – solche
nämlich, die die Einzelnen immer wieder von Neuem veranlassen können, zu
freud- und lustvoll erlebten gemeinschaftlichen Projekten zusammenzufinden. Das
ist der eigentliche Grundimpuls im Leben des Kunstmalers schwarz gänsehaut.
Text
von Thomas Ragni, anlässlich der Ausstellung Mai - Juni 2001
©
Copyright Galerie HILT AG, Basel, 2001/tr
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